Wenn du nicht oben mehr von unten,
außen nicht von innen unterscheiden kannst,
das Wirkliche solider wird als Berg und Meer,
und du den Sinn des Seins und dessen Zauber spürst,
dann wisse, dass du dir nahe bist.

»Es hat so seinen Dreck«, spricht er mit noch fast vollem Mund, »Moskitos, Malaria, Betrüger verkleidet als Souvenirverkäufer, Taschendiebe, Rickshafahrer, Bettler. Überall Korruption und nicht zu vergessen die vielen Krankheiten. Doch wirklich gefährlich …«
»Klingt interessant«, unterbreche ich ihn. »Was für Krankheiten?«
»Alle, die einen Namen tragen, und alle, die einen in der Zukunft bekommen werden.«

»Äußere Leere ist eine Spiegelung der inneren«, unterbricht Omid mein Gedankenkino, »und nichts in der Welt kann diese füllen: kein Shopping, keine Beziehung, keine Reise.«
»Nicht einmal ein Garten oder ein Ausflug in die Berge?«
Omid schüttelt den Kopf.
»Manche fliehen, verlieren sich in einem Zustand der Betäubung. Mit Drogen oder Computerspiele, mit Essen, Kaufen oder Sex und wenn es ganz schlimm kommt, werden sie vom Handy abhängig. Aber egal was, es hilft nicht. Am Ende des Tages ist jeder allein mit sich selbst.

»Als Simon geboren wurde«, fährt Omid fort, »und ich dieses Päckchen Mensch das erste Mal in meiner Hand hielt, schaute mich jemand durch diese unschuldigen Augen an. Da war jemand zu Hause, verstehst du? Jemand Älteres als dieser neugeborene Körper. Diesen Augenblick werde ich nie vergessen.
Dass die Naturwissenschaft keine Seele findet, ist kein Beweis dafür, dass sie nicht existiert …

Wenn das Leben an deine Türe klopft,
und Shiva dich grüßt,
spüre die Liebe des Göttlichen,
in allem,
was dir genommen wird.

Wenn mir nicht schon vorhin mein Herz fast erdrückt worden wäre, würde es spätestens jetzt gefroren in tausend Splitter zerspringen: Wie vertraut mir diese Stimme ist!
In mir beginnt sich meine Welt zu drehen, läuft die Zeit rückwärts und Tränen füllen meine Augen. Es kann nicht sein – es darf nicht sein!
Ich wage den nächsten Schritt, doch sofort hört das Schluchzen auf und die Gestalt versteckt sich rasch.
Wieder füllt diese unerträgliche Stille …

»Wer bist du?«, frage ich verwundert.
»Ich bin das Leben. Ich bin die neue Welt. Verschwende deine Energie nicht mit dem Alten, dessen Tage gezählt sind. Es wird bald schon von alleine gehen. Die Zeit ist gekommen. Eine neue Welt wird gerade geboren, in Harmonie und Frieden. Werde ein Teil von ihr, schau nach vorne!«

Die Welt jenseits der Mauern ist den Mutigsten vorbehalten und vielleicht jenen, die das Lieben schon gelernt haben. Aber auch dazu braucht es Mut. Vor allem, wenn es darum geht, sich selbst zu lieben.

Hier sei erwähnt, dass wir verschiedene Wörter benutzen für ein und denselben Zustand des Universums. Was Omid als organisch bezeichnet, nenne ich chaotisch.
»Wie organisch?«, frage ich misstrauisch.
»Das Leben kann dort fließen und sich natürlicher entfalten. Es gibt Regeln, aber viele kümmert das nicht und deshalb gibt es mehr Raum für Menschsein. Willst du da echt hin? Eine Reise?«

»Wenn der Zug langsam den Bahnhof verlässt und du mit dem Koffer in der Hand am Bahnsteig zurückbleibst – allein – verunsichert – orientierungslos, dann hast du es fast geschafft. Wenn die anderen Reisenden hastig an dir vorbeiziehen – ihrem nächsten Ziel entgegen –, wenn du wie betäubt dastehst und nicht weißt, wie es weitergeht, dann bist du näher an deinem Ziel, als jemals zuvor. Auch wenn du es in diesem Moment nicht sehen kannst. Damals habe ich schon gemerkt, dass mein Selbstvertrauen nicht mit ausgestiegen war und mich stattdessen Frau Angst freudig begrüßte. Doch heute weiß ich, dass dieser Augenblick einer der wertvollsten meines Lebens war.«

»Wenn mich meine Religion etwas gelehrt hat«, fährt er fort, »dann, dass die Hingabe im Tempel echt und authentisch ist. Dafür aber muss sie freiwillig sein. Welchen Wert hätte eine mechanische, lieblose Hingabe einer Marionette? Würde Gott sich damit nicht selbst klein und egoistisch machen? Diese Hingabe mag motiviert sein von Wünschen oder Ängsten. Doch selbst, wenn nur ein Einziger von Millionen sich mit Aufrichtigkeit an das Göttliche wendet, hat das Universum seinen Zweck erfüllt. Findest du nicht? Was ist das für ein wunderbarer Augenblick …

»Das ist kaum nötig«, sagt Gavin und lacht herzlich. »Im Harbour Inn treffen sich nur alte, dickbäuchige Fischer, die nach Tabak und Fisch riechen.«
Ob sich Gavin bewusst ist, dass auch er heute Abend im Harbour Inn sitzt? Und noch dazu mir gegenüber? Eigentlich ist es unverschämt von ihm zu behaupten, dass es unnötig ist, mich präsentierbar zu machen. Diese Bemerkung ist nur damit zu rechtfertigen, dass Gavin schüchterner ist, als ich dachte. Während unseres Spazierganges ließ er aber keine Gelegenheit aus, mich heimlich zu beliebäugeln. Der glaubt wahrscheinlich, ich hätte das nicht bemerkt!

Mutti hat nie ernsthaft versucht, ein neues Leben aufzubauen. Deshalb halte ich es auch nicht lange dort aus. Zu viele alte Muster, dieselben Fragen und Antworten, dieselben Vorwürfe – familiäre Vertrautheit in der Mikrowelle aufgewärmt. Eine Tasse Kaffee, etwas leeres Gerede und zu viele Blicke auf die Uhr. Mutti wäre sehr einsam …

Dann spricht er mit einer Stimme, die von weit her zu kommen scheint: »So wie die Kreuzotter ihre Haut abstreift, wenn sie zu eng geworden ist, so streift die Seele den Körper ab, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Der Schmerz über Verlust sind die Wehen deiner Geburt. Auch dir steht eine Häutung bevor, auch du musst in Kürze Altes loslassen.«

»Wenn Sie sich dem Leben öffnen können, werden Sie den Sinn überall sehen. Er kann Ihnen an jeder Straßenecke begegnen: in den Palästen der Reichen und Mächtigen, im Lächeln einer bettelnden Frau, in den mit Menschen überfüllten Tempeln und Basaren oder der Stille des Himalajas. Aber auch in der Korruption, im Leiden eines Kindes, im Schmutz und Lärm, in der Grausamkeit des Kastensystems, der Armut, den Slums und Krankheiten. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens kommen Sie nicht an dem Göttlichen vorbei …

»Vielleicht kündigst du erst in fünf Jahren? Und seit wann ist die Bank fair? Wie fair war sie deiner Chefin gegenüber?«
Wir spazieren schweigend durch den Rosenpavillon. Wie oft schon stand ich, als der Zug im Bahnhof hielt, vor der geöffneten Türe und fand nicht den Mut auszusteigen? Beneidete stattdessen jene, die ausstiegen, und trottete geschlagen zurück auf meinen Sitz.

Die Kinder im Hospiz leben viel mehr im Jetzt, haben ein ganz anderes Zeitverständnis. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass nur jene den Tod fürchten müssen, die das Leben fürchten.«
Mit diesem Satz schickt mich Clíona ein weiteres Mal in die Kathedrale …

Auf einem Podest stehend, begrüßt uns die Figur einer kindgroßen, schwarzen Frau mit einem wütenden Gesicht und herausgestreckter Zunge. Ihre vier Arme wirken unnatürlich. In einer Hand hält sie einen Spieß mit drei Zacken, in einer anderen ein Schwert. Mit diesem hat sie wohl den Kopf abgeschlagen, den sie mit der dritten Hand präsentiert – und die vierte Hand hält eine Schale, in der das Blut aus dem Kopf aufgefangen wird. Zu ihren Füßen liegen eine Menge enthaupteter Körper, auf denen sie freudig tanzt.

Dennoch geht es weiter, Schritt für Schritt im tiefen Schnee, der knirschend warnt und zur Vorsicht mahnt. Verloren fühle ich mich, verloren in einem Meer aus Weiß, in einem Meer aus Nichts. Eine obskure Energie hängt in der Luft, packt mich, drängt, wie in Hypnose. Macht mich bereit, jeden Augenblick zu versinken, zu ertrinken, allem ein Ende zu bereiten. Was ist schon ein Leben wert? Und wie viel eines ohne Sinn?

»Und du?«, fährt er fort. »Wo ist dein Platz im Ganzen? Ist es die Rose im Rampenlicht oder das Mauerblümchen, unscheinbar und zart? Oder gehörst du gar zu den Regenwürmern, die sich im Untergrund der Gesellschaft tagein tagaus abmühen? Und wer wirst du sein, wenn du nicht mehr in der Bank arbeitest? Ein nutzloses Unkraut?«

»Das kannst du alles haben. Aber niemand außer dir kann dir das geben. Nicht nachdem du diesen Punkt in deinem Leben erreicht hast. Außerdem, wenn du anfängst dich zu lieben, hörst du auf, dir ständig weh zu tun.«
Wieder so eine Bombe! Ich habe langsam genug von Darnell. Schon deshalb, weil er recht hat! …

Zugegeben, etwas Mut braucht es schon oder – vielleicht reicht auch pure Verzweiflung. Wo kein Wille ist, ist ein Weg. Wie weise diese Worte sind, wie täuschend ihr Widerspruch. Die Angst eine Entscheidung treffen zu müssen, vor allem die richtige, ist verschwunden. Kein Ziel mehr zu haben ist wundervoll, mir keinen Druck zu machen eine Erlösung. Das Leben liebt mich. Warum vertraue ich ihm nicht?

Der Garten ist genauso wie das Haus mit unglaublich viel Liebe hergerichtet und lädt zum Erkunden und Entdecken ein: Gelb‑blaue Blumen füllen große Terrakotta‑Töpfe und die Blumenkästen vor den Fenstern. Die Sitzbank vor dem Haus und der Tisch, auf dem das Frühstück bereits serviert ist, sind aus groben Brettern gezimmert. Bizarr geformte Steine formen die Ränder der Gartenwege. Links von mir wohnt ein kitschiges Teeservice in einem alten Baumstumpf. Vorwitzig schauen unzählige, kleine orange Blüten aus ihm hervor. Unter einem Baum sitzt eine traurige Clown‑Marionette auf einem Puppenstuhl und schaut nachdenklich in die Ferne …

Er lächelt. Es ist ein warmes Lächeln, das die Spannung nimmt, und ich fühle mich ein wenig besser. Schweigend blicke ich in meine Tasse, dann kurz in Pradips Gesicht, um wieder in meiner Tasse Schutz zu suchen.
»Vergiss nicht«, fügt Pradip hinzu, »dass deine wahre Familie größer und älter ist als jene, in der du aufgewachsen bist.«
Das Chaos in meinem Kopf wirbelt hoffnungslos und mir bleibt nur hilfloses Schweigen. Meine wahre Familie ist größer und älter als jene, in der ich aufgewachsen bin?